Ziele setzen und erreichen

Ziele setzen und erreichen

Leichter gesagt als getan: Ziele setzen und erreichen. Wie du Druck rausnehmen kannst.

Wenn du kein Ziel hast, kannst du auch nirgendwo ankommen. Das gilt in privater als auch beruflicher Hinsicht. Ziele setzen und erreichen ist streng genommen etwas, das wir jeden Tag unbewusst tun. Täten wir es nicht, würden wir zum Beispiel nicht kochen, um satt zu werden. Oder duschen, um sauber zu werden.

Sich Ziele zu setzen ist relativ einfach. Die Ziele auch zu erreichen hingegen kann je nach Art des Ziels ein leichtes oder auch schweres Unterfangen sein. Ein Ziel nicht zu erreichen, wird oft als Versagen empfunden. Von uns selbst und auch von der Gesellschaft. Du hast dann einfach zu wenig Biss, zu wenig Willen, dich nicht genug angestrengt oder schlichtweg das falsche Mindset. Deswegen ist das Erreichen eines Ziels oft mit einem immensen inneren Druck verbunden. Von Leichtigkeit keine Spur. Von der Möglichkeit, sein Ziel nicht (!) zu erreichen und sich trotzdem erfolgreich, glücklich und gut zu fühlen ganz zu schweigen.

Ich nehme dich gern mit auf eine kleine Reise, wie sich mein Blickwinkel in Bezug auf Ziele setzen und erreichen grundlegend geändert hat. Vielleicht nimmt es auch dir ein wenig Druck.

Meine Ziele waren klein und groß, kurzfristig und langfristig, wünschenswert oder lebensnotwendig, selbst- oder fremdbestimmt. Ich machte keinen Unterschied und wollte alle erreichen. Alle zufrieden stellen, alle Erwartungen erfüllen, jede Verantwortung übernehmen, jede Unterstützung leisten. Und ganz gleich, wie sehr ich mich abstrampelte und bemühte – es war nie genug. Während ich meine eigenen Bedürfnisse immer weiter zurück stellte, verlor ich durch die pflichtbewusste Erfüllung möglichst aller Erwartungen anderer an mich meine eigenen Ziele immer mehr aus den Auge.

Ein Bandscheibenvorfall quälte mich zehn Jahre, bevor es dann auf einmal sehr schnell ging. Kaum aus dem MRT raus, saß ich beim Neurologen und hatte zwei Tage später meinen OP-Termin. Beruflicher Ausfall rund drei Monate. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich massenhaft Zeit für mich selbst. Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Reflektieren. Ich erkannte durchaus, was schief gelaufen war, wusste aber trotzdem nicht, wie ich es zukünftig besser machen sollte. Während der Reha gab es standardmäßig auch ein paar Stunden für psychologische Betreuung. Ich erzählte, sie hörte zu. Am Ende der Zeit überreichte die Psychologin mir einen Zettel mit einer Geschichte, die ihr im Zusammenhang mit mir eingefallen sei und an der ich mich zukünftig orientieren könne. Es handelte sich um eine Episode aus dem Buch “Momo” von Michael Ende. Erst geraume Zeit später erkannte ich den tieferen Sinn. Hier ist sie:

Beppo fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude.

Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat.

Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. “Siehst du, Momo”, sagte er dann zum Beispiel, “es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.”

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: “Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.”

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: “Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.” Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: “Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.”

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: “Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.”

Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: “Das ist wichtig.”

Seither sehe ich Ziele setzen und erreichen heute entspannter als früher. Ich differenziere zwischen meinen und denen, die andere für mich setzen wollen. Ich nutze jeden Tag, gehe ihn allerdings in meinem Tempo. Fühle mich nicht mehr für alles und jeden verantwortlich. Unterscheide zwischen Menschen, mit denen ich gern ein Stück Weg gemeinsam gehe und solchen, die mir nur im Weg stehen wollen. Helfe freiwillig, ein Feuer zu löschen, auch wenn ich an dem Tag auf meinem Weg kaum vorankomme. Gehe hingegen weiter, wenn pöbelnde Massen mich für ihre Zwecke einspannen wollen. Ich halte meinen Weg sauber und schaue abends erfreut zurück. Wieder ein Stück geschafft ohne Müll zu hinterlassen. Das macht mich – unabhängig von der geleisteten Wegstrecke – glücklich. Und selbst wenn ich nie ankomme und mein Ziel erreiche, ist der Weg – bewusst, achtsam, ohne die Puste zu verlieren und voller Freude gegangen – ein ganz wunderbarer Weg.

Ob Beppo das auch so sehen würde? Selbst, wenn die ganze Straße nicht geschafft würde? Ich bin sicher, er hätte sich deswegen nicht von seinem Weg abbringen lassen oder seine Arbeit vernachlässigt. Weder er noch ich noch irgendeiner von uns weiß, wann die Straße zu Ende ist. Und darüber hinaus birgt jedes Ende einen neuen Anfang. In diesem Sinne werden wir manchmal sowieso nie “endgültig” fertig.

Mich hat die Geschichte von Beppo inspiriert, mich auch von großen Zielen nicht mehr erdrücken zu lassen. “Der Weg ist das Ziel” – diese Lebensweisheit wird dem chinesischen Philosophen Konfuzius zugeschrieben. Möge diese Weisheit und ihre Bedeutung durch Beppos Geschichte in dir widerhallen. Damit auch du deine Ziele – erreicht oder nicht – niemals als Last empfindest und stattdessen einfach deinen Weg genießt.

Bildnachweis Canva

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top