Bücher, die mich begeistert haben. Mein Buchtipp 42 – Die Träumenden von Madras
Was für ein Schmöker! Ich wollte nicht, dass er trotz seiner Länge endet. Wollte nicht die mir liebgewonnenen Figuren verlassen müssen und mehr wissen. Recherchierte im Nachhinein einige Begebenheiten und Sachverhalte. Bewahre nun 100 Jahre Geschichte, die Fiktion und Realität so geschickt vermischt, dass selbst Fiktion als Realität erscheint, von Indien in meinem Herzen. Und träume. Von Kunst und Medizin, von Liebe, Leid, Verlust und Hoffnung. Tauch ein in meinen Buchtipp 42 – Die Träumenden von Madras. Du wirst es wie ich lieben, da bin ich mir sehr sicher.
Klappentext zum Buch
Kerala, um 1900: Mariamma ist zwölf, als sie ihr Zuhause verlässt, um bei ihrem neuen Mann in Parambil zu leben, inmitten von Flüssen und Kanälen, Palmen und Jackfruchtbäumen. Sie vermisst ihre Mutter, und ihr Mann scheint sich kaum für sie zu interessieren. Doch bald findet sie in ihrem fünfjährigen Stiefsohn Jojo einen Gefährten, der nicht von ihrer Seite weicht. Als er, der stets das Wasser gescheut hat, bei einem Unfall ertrinkt, kommt sie einem Geheimnis ihrer neuen Familie auf die Spur: Seit Generationen gibt es immer wieder Familienmitglieder, die unerklärliche Angst vor dem Wasser haben; viele von ihnen sind ertrunken. Doch was dahintersteckt, bleibt ein Rätsel.
In den folgenden Jahrzehnten wächst Mariammas Familie und sie wird zur glücklichen Mutter, Großmutter und Matriarchin »Big Ammacchi«. Und auch der Fortschritt hält Einzug in Parambil. Während in der Welt Kriege toben und Indien der Befreiung zustrebt, werden in Parambil Straßen und Schulen gebaut, die Häuser mit Elektrizität versorgt und die Menschen endlich medizinisch betreut– und schließlich kann auch das Rätsel um den »Fluch des Wassers« aufgeklärt werden.
Gedanken zum Buch
Bevor du dich für das Buch entscheidest, hier mein Tipp: Lies jeden Teil von insgesamt acht aufmerksam, auch wenn im zweiten Teil plötzlich neue Figuren auftauchen und du dich eigentlich mehr dafür interessierst, wie es bei Big Ammacchi aus Teil eins weitergeht. Alles hängt mit allem zusammen und es lohnt sich, die einzelnen Fäden mit gleichem Interesse zu verfolgen. Insbesondere Digby wird im Verlauf des Romans noch eine große Rolle spielen.
Zum Teil war es auch diese Tatsache, die die Lektüre für mich so faszinierend gemacht hat: Wie alles zusammenhängt. Wie auch jeder von uns nicht isoliert von anderen existiert und wir alle auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden sind. Wie das Wasser, von dem im Buch so oft die Rede sein wird.
“Sie steht in dem Wasser, das sie alle in Zeit und Raum verbindet und immer verbunden hat. Das Wasser, in das sie Minuten zuvor getreten ist, ist schon lange fort und trotzdem da, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unerbittlich vereinigt, wie die fleischgewordene Zeit. Dies ist der Wasserbund: dass sie alle unausweichlich verbunden sind durch ihr Tun und ihr Nichtstun, und niemand ist allein.”
Noch mehr allerdings packte mich die Gabe des Autors, seinen Figuren derart Leben einzuhauchen, dass sie regelrecht dreidimensional vor meinem Auge erschienen. Big Ammacchi, Philipose, Digby, Baby Mol, Joppan, Lenin Immerdar, Aufschwungmeister, Elsie. Jeder Charakter wäre eines eigenen Buches würdig gewesen, hier tummeln sich alle in einen einzigen Schmöker. Ich lernte von Aufschwungmeister, litt mit Lenin Immerdar, kochte mit Big Ammacchi, lachte mit Baby Mol und Elsie, ach Elsie.
Indien und sein Kastensystem
Wusstest du, dass in Indien auch heute noch die Kaste, in die jemand geboren wird, dessen Leben bestimmt? Offiziell ist das System seit Jahrzehnten verboten, dennoch beherrscht es (insbesondere in ländlichen Gebieten) immer noch das Leben der Inder. Die Kaste bestimmt, wer dazugehört und wer nicht. Du bist, was du zur Stunde deiner Geburt warst: Ein Brahmane oder ein Unberührbarer, um nur zwei Kasten zu nennen. Was auch immer du an Begabung mitbringst, wie engagiert auch immer du arbeitest: Niemals wirst du als Unberührbarer Herr deines eigenen Lebens sein und noch nicht einmal mit Angehörigen anderer Kasten am gleichen Tisch essen. Unglaublich. 2026 will Indien in einer Volkszählung die Zahl seiner Einwohner ermitteln und erstmals seit Kolonialzeiten auch abfragen, welcher Kaste die Menschen angehören (Tagesschau vom 09.06.2025). Ob sich jahrhundertalte Traditionen je ändern? Ich bin skeptisch.
Und so ist “Die Träumenden von Madras” nicht so furchtbar weit von unserer heutigen Realität entfernt, wie wünschenswert wäre. Auch wenn ich hier vorrangig ein ernstes Thema aus dem Buch anspreche: Es ist alles andere als bedrückend. Im Gegenteil! Es fließt über vor Mitgefühl, Fürsorglichkeit und Liebe. Lies es! Du verpasst sonst ein ganz wunderbares Buch.
Über den Autor:
Abraham Verghese ist ein indisch-amerikanischer Arzt und Autor. Sein erster Roman “Rückkehr nach Missing” verkaufte über eine Million Exemplare und erhielt 2010 den Indies Choice Book Award.
Bildnachweis Lizenz erteilt vom Suhrkamp Verlag







