Das Gute im Menschen

Das Gute im Menschen

Den Glauben an das Gute im Menschen nicht zu verlieren – eine Aufgabe, die sich lohnt

Allein die Tatsache, dass du hier liest, zeigt, dass auch du dir hierzu deine Gedanken gemacht hast. Entweder in zustimmender oder in ablehnender Stimmung. Wärst du ein Kind, würdest du die Aussage überhaupt nicht verstehen. Ein Kind glaubt immer an das Gute im Menschen. Erst wir Menschen zerstören dieses bedingungslose Vertrauen eines Kindes. Nicht immer mit Absicht, nicht immer bewusst, und schon gar nicht mit dem Wissen um die Konsequenzen unseres Handelns.

Menschen sind keine Heilige, sie sind menschlich und handeln auch so. Hier eine kleine Aufzählung dessen, was möglich ist. Damit du dich nicht angegriffen fühlst, stell dir bitte vor, du wärst das Kind. Und hab im Hinterkopf, dass ich hier nur von Möglichkeiten schreibe.

  • Du bist mit deinen Eltern zu Besuch bei Tante Ilse. Tante Ilse hat seit einem Schlaganfall die Kontrolle über ihren Mund verloren, der Speichel fließt einfach seitlich raus. Du schreist: „Igitt, die spuckt ja!“ und deine Eltern zischen wütend: „Sei still. Das gehört sich nicht.“

Du lernst, nicht alles zu sagen, was du denkst.

  • Du hast von Oma Erna ein tolles Geschenk bekommen. Du wolltest nie deine Ferien bei Oma Erna verbringen, aber jetzt sagen deine Eltern: „Das kannst du Oma Erna nicht antun. Denk nur an das schöne Geschenk, das sie dir gemacht hat. Da wäre sie aber sehr traurig, wenn du sie jetzt nicht besuchst.“

Du lernst, dass ein Geschenk mit Bedingungen verknüpft ist.

  • Du hast dir beim Spielen auf dem Klettergerüst eine Wunde zugezogen. Schleichst nach Hause, damit Mama ein Pflaster draufmachen kann. Mama fragt: „Wie ist das passiert?“ Du weißt, dass du eigentlich nicht allein auf das Klettergerüst darfst und bringst es stotternd und leise trotzdem vor. Mama ist böse, und du bekommst Hausarrest.

Du lernst, dass lügen besser gewesen wäre.

  • Du hast Angst, alleine auf den Kindergeburtstag von Tom zu gehen. Sein Freund Axel ist immer so frech zu dir. Vielleicht lauert er dir – wie so oft – auf dem Weg auf? Papa verspricht, dich hinzubringen. An dem Tag muss Papa plötzlich für seinen Chef etwas Wichtiges erledigen, er kann dich doch nicht hinbringen. Mit einem „Du bist doch schon ein großes Mädchen“ schickt er dich allein los.

Du lernst, dass ein Versprechen nichts bedeuten kann.

  • Deine Eltern lieben dich und versichern dir, dass sie immer für dich da sind. Mit diesem Vertrauen fühlst du dich wohl und sicher. Plötzlich wird Papa unheilbar krank und stirbt. Du bist allein mit Mama. Papa ist nicht mehr für dich da.

Du lernst, dass Vertrauen zerstören kann.

  • Du gehst bald in die Schule, der letzte Kindergartentag ist da. Deine Kindergärtnerin Tina hat dir immer gesagt, dass du ihr Lieblingskind bist. Du willst nicht weg von ihr. Sie lacht und sagt: „Aber in der Schule wird es dir bestimmt richtig gut gefallen, sei nicht traurig. Ich bleibe ja auch nicht allein und bekomme ganz viele neue Kinder zum Spielen.“

Du lernst, dass du als Mensch nicht zählst.

Ob du nun als Kind oder als Erwachsener diese Lektionen gelernt hast – auf die eine oder andere Art bleibt wohl keiner von uns von allen Lektionen sein Leben lang verschont. Das macht etwas mit dir, und auch das ist menschlich. Die Frage ist nur, was du für dich selbst und dein eigenes Handeln daraus für eine Lehre ziehst.

Ich für meinen Teil versuche, trotz schlechter Erfahrungen in der einen oder anderen Hinsicht im Kern weiterhin an das Gute im Menschen zu glauben. Nicht alle über einen Kamm zu scheren. Oder zumindest – ertappe ich mich dabei – sofort damit aufzuhören.

Als ich eine unangemessene E-Mail von einem mir unbekannten Follower auf LinkedIn bekommen habe, habe ich einen ganzen Tag damit verbracht, mein gesamtes Netzwerk mit Argusaugen zu durchleuchten und alle mir suspekten Menschen blockiert. Obwohl die mir überhaupt nichts getan hatten bislang. Ein einziger Mensch hatte die Macht, mich so zu verändern. Aber ich habe ihm die Macht gegeben. Zum Glück habe ich es immerhin nach 5 Stunden erkannt und aufgehört.

Ich möchte, dass ich selbst ein Grund bin, dass andere Menschen an das Gute im Menschen glauben. Und dazu ist es erforderlich, dass ich mich nicht verändern lasse, wenn Menschen mir unangenehme Lektionen erteilen. Dann hätten sie gewonnen, denn dann würde sich die Welt nach und nach in einen Ort voller Lügen, Misstrauen und Egoismus verwandeln. Das kann doch nicht ernsthaft einer von uns sich wirklich wünschen?

Als Ansporn dient mir dieser Spruch. Egal, wie schwer es ist, ich bleibe dran.

“Schwer ist es, die rechte Mitte zu treffen:

Das Herz zu härten für das Leben.

Es weich zu halten für das Lieben.”

Jeremias Gotthelf
Bildnachweis Canva

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