Perspektivwechsel und Selbstreflexion

Perspektivwechsel und Selbstreflexion

Ein unschlagbares Team: Perspektivwechsel ermöglicht Selbstreflexion

Wenn ich – wie am vergangenen Wochenende – mit einer Gruppe Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenkomme, finde ich die kleinen Diskussionen abseits der eigentlichen Veranstaltung oft interessanter als diese selbst. Es ist einfach super interessant, was Menschen erzählen. Wie überzeugt sie von ihrer eigenen Meinung und Wahrnehmung sind. Wie wenig hinterfragt wird. Der Tunnelblick als einzige Blickrichtung gilt. Das schließt mich selbst natürlich mit ein. Ein Perspektivwechsel und Selbstreflexion ist die Belohnung.

Die Jahreshauptversammlung des Fachverband Wasserbett war ein Füllhorn an Erkenntnissen. Ein paar davon teile ich hier.

  • “Bildung muss sich an den Klügsten orientieren.”

Ausgangspunkt war ein privates Gespräch zwischen einem Vater und mir. Der Sohn des Vaters fühlt sich in der Schule unterfordert. Er hat Langeweile. Möchte mehr über Physik und alle Naturwissenschaften lernen, als es der Lehrplan hergibt. Der Lehrer orientiert sich zum einen an seinem vorgegebenen Unterrichtsstoff, und sorgt zum anderen dafür, dass alle in der Klasse diesen verstehen. Der Vater fühlt die Entwicklung seines Sohnes durch dieses Verhalten ausgebremst. Potentiale würden brach liegengelassen, weil auf “Dümmere” Rücksicht genommen würde. In der Natur wäre es schließlich auch so, dass nur die Starken weiterkommen, die Schwächeren hätten halt Pech. Evolution funktioniere nun einmal so.

Auch wenn ich den Frust des Vaters bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen konnte, fand ich die geforderte Konsequenz zutiefst menschenverachtend. Im Bemühen, den Vater nicht zu kränken, gab ich ihm stattdessen folgendes zu bedenken:

“Schau mal. Du hast die Möglichkeit, deinen Sohn auf andere Weise zu fördern. Mit eigenen Mittel oder externer Unterstützung. Du kannst es dir leisten und machst es für deinen Sohn auch gern, er verliert also nichts. Würde deine Idee umgesetzt, würden ein paar aus der Klasse sich weder langweilen noch unterfordert fühlen, der vermutlich größere Rest fiele hinten herunter. Deren Eltern wiederum können es sich womöglich nicht leisten, durch externe Hilfe den Nachholbedarf zu decken. Schule ist für “alle” da, Bildung ist für “alle” da. Die Schule muss Chancengleichheit gewähren, will diese Gesellschaft nicht noch elitärer als ohnehin schon werden. Die Chance auf “mehr” können sich einige problemlos leisten, die Chance auf “mindestens” sollte nicht einigen wenigen vorbehalten sein. Was, wenn dein Sohn einer von ihnen wäre?”

  • Das folgende Schweigen war keineswegs unangenehm. Wir haben wohl beide überlegt, in welcher Welt wir wirklich leben wollen. Perspektivwechsel und Selbstreflexion …

Chancengleichheit

  • “Meine Mitarbeitenden sehen jeden Morgen, wo sie stehen!”

Offenbar arbeitet dieser Chef mit einem Tool, das genau anzeigt, wer was und mit welchem Umsatz verkauft hat. Das Tool zeigt eine Art Rangliste – die beste Verkäuferin steht ganz oben, der schlechteste Verkäufer steht ganz unten. Begeistert und mit leuchtenden Augen erzählt er uns davon. Nun wisse nicht nur er, wer hier wirklich arbeitet, sondern jeder im Team auch. Das pushe die Leistungsbereitschaft jedes Einzelnen. Davon ist er überzeugt. Ich wage einzuwerfen:

“Sicher, dass deine Mitarbeitenden das auch so sehen? Hast du einmal nachgefragt? Kann es nicht sein, dass du auf diese Weise Neid und Missgunst förderst? Den Teamspirit untergräbst? Und kann es nicht sein, dass darunter auch dein eigenes Geschäft leidet? Ich meine … wer hat schon noch Zeit, sich darum zu kümmern, dass es in der Ausstellung ordentlich aussieht? Wer mag sich noch mit Arbeiten beschäftigen, die keine Umsatzzahl auswirft und dennoch nötig ist? Fördert dein Tool nicht eine Art Ellbogen-Mentalität, und möchtest du das wirklich?

  • Das folgende Schweigen war durchaus etwas bedrückend. Der Blick hingegen, der mir zugeworfen wurde, sprach Bände. Es ratterte im Gehirn …

Teamspirit

  • “Hast du keine Angst, als Kleinunternehmerin nicht ernst genommen zu werden?”

Diese Frage galt mir. Die fragende Person ist (noch) kein Kunde von mir und wollte mich mit der Frage keineswegs verletzen. Ganz im Gegenteil. Sie meinte, dass viele Menschen bei Kleinunternehmen denken würden: Naja, da wird ja kein riesiger Umsatz im Jahr gemacht, folglich kann das wohl nicht so gut laufen oder – schlimmer – nichts taugen. Ich würde es mir selbst unnötig schwermachen war ihre Überzeugung. Ihr gab ich folgende Antwort:

“Ich wüsste nicht, warum ich nach außen größer wirken sollte als ich tatsächlich bin – und sein kann. Meine Dienstleistung ist abhängig von meinem kreativen Kopf – da gibt es natürliche Grenzen. Ich kann weder auf Knopfdruck im Minutentakt geistreiche Texte produzieren, noch will ich das. Meine Kunden stört es keineswegs. Und wen es stört, der ist womöglich auch gar kein Kunde, mit dem ich zusammenarbeiten möchte. Ich lege mehr Wert auf Qualität denn Quantität. Mein Herz gilt ohnehin den eher kleineren und mittelständischen Betrieben, die neben nackten Zahlen den menschlichen Faktor im Auge haben. Habe ich also Angst, nicht ernst genommen zu werden? Keineswegs, und das ist mein voller Ernst.”

  • Das Schweigen war kurz, die Reaktion erfreulich. Obwohl ich die Person auf November vertrösten musste, weil ich eher keine Zeit habe …

Auch Kleine können groß sein

Auch wenn in diesem Fall keine Kurskorrektur meinerseits erfolgte – ich liebe solche Fragen! Sie bringen mich zum Nachdenken, stoßen etwas an, lassen mich Weichen gegebenenfalls neu stellen. Eine Situation durch den Perspektivwechsel neu beurteilen. Es tut gut, mit anderen zu reden, die dich und deine Situation durch völlig andere Augen betrachten. Selbstreflexion wird möglich.

Wie ist das bei dir?

Empfindest du Perspektivwechsel und Selbstreflexion als störend oder hilfreich?

Und machst du selbst anderen auch dieses Geschenk?

Wenn ich dir das Geschenk “Fragen, die dich weiterbringen” machen darf, findest du mich hier.

Bildnachweis Canva Beitragsbild: Rashid Khreiss via unsplash

2 Kommentare zu „Perspektivwechsel und Selbstreflexion“

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